Rumänien Impressionen - Urlaub in Bukarest und Siebenbürgen im Mai 2011

Haben Sie schon mal von Emil Boc gehört? Wohl eher nicht.
Er regiert die Republik Rumänien seit Dezember 2008. EU-Mitglied ist das südosteuropäische Land seit 2007.
Bisher zieht es noch nicht viele Touristen in diese unbekannte Region. Oft sind persönliche Beziehungen der Anlass für einen Besuch. Schon länger neugierig auf Rumänien, gab auch bei mir ein persönlicher Kontakt den letzten Anstoß zur kurzweiligen und interessanten Reise.
Was fällt uns ein, wenn wir an Rumänien denken?
Wohl zuallererst das Volk der Roma. Sie führen oft ein schwieriges Alltagsleben. Analphabetismus, Arbeitslosigkeit, Armut – dies ist das Schicksal vieler. Wer kann, verbringt die Sommermonate in den reicheren EU-Ländern, arbeitet als Erntehelfer, auf dem Bau, als Musiker oder Bettler. So sichern sie ihren Familien den Lebensunterhalt. Und so kommt es wohl auch, dass vor Ort nicht mehr bettelnde Roma-Kinder unterwegs sind als zum Beispiel in Berlin. Zumal im eigenen Land die Meisten sowieso zu wenig Geld haben, um davon noch etwas abzugeben.
Hierzu interessante Artikel
http://de.wikipedia.org/wiki/Roma_in_Rum%C3%A4nien 
http://www.tagesspiegel.de/berlin/stadtleben/warum-kommen-rumaenische-roma-nach-berlin/1527506.html
RomaJungs Rusciori
 RomaFamilie Rusciori RomaMädchen Rusciori

Bei uns in Deutschland genießt die leidenschaftliche Musik der Roma durchaus Ansehen, wird auf Festivals zum Besten gegeben. In Rumänien sind mir diese melancholisch-temperamentvollen Klänge kein einziges Mal zu Ohren gekommen. In der Öffentlichkeit wird sie dort selten gespielt. Die Musiker sind eher sonst wo auf der Welt unterwegs oder spielen auf privaten Festen. Um die Musik vor Ort zu hören reist man gezielt in die Dörfer Zece Prajini und Clejani, echte „Romamusik-Schmieden“. Aus Zece Prajini stammt zum Beispiel die inzwischen weltbekannte Blaskapelle Fanfare Ciocarlia, aus Clejani die Gruppe Taraf de Haïdouks.
Apropos Musik – ein bekannter rumänischer Musiker, von dem Sie wahrscheinlich  schon gehört haben, ist Georghe Zamfir. Seine Panflötenklänge waren in den 70er- und 80-er-Jahren äußerst beliebt, beispielsweise zur Untermalung von Bildmeditationen.
Gerne werden unsere Rumänien-Fantasien auch von „Graf Dracula“ beflügelt, der durch die transsilvanischen Wälder geistert; Titel eines Romans aus dem ausgehenden 19.Jh.. Möglicherweise dienten dem Autor Bram Stoker die wahren Geschichten um den extrem sadistisch veranlagten Vlad III. Draculea als Vorlage, der im 15.Jh. ein Heer in der Walachei (dem heute südlichen Rumänien) anführte. Aber ich kann Ihnen versprechen, dass ich nicht einmal Kontakt zu seinen Nachfahren hatte, den gemeinen Stechmücken.
Karpaten
Karpaten
Karpaten

Auch die etwa 6000 in den karpatischen Wäldern lebenden Braunbären trollten sich vor mir davon. Ich begegnete dem ursus nur im Restaurant, in Form einer Bier-Sorte, als pelzige Jagdtrophäe an der Wand und tatsächlich auch einmal als Fleischgericht auf der Speisekarte.
http://www.welt.de/reise/article4402917/So-hilft-man-alten-Baeren-in-den-Karpaten.html
http://www.ampbears.ro/en/news/bears
Spätestens seit Herta Müller 2009 den Literaturnobelpreis erhielt, ist diese aus dem Banat stammende Schriftstellerin bekannt. Ihre Familie gehört zu den vielen Deutschen, die sich während Jahrhunderten in Rumänien ansiedelten und die Wirtschaft ankurbelten
Die Siebenbürger Sachsen kamen unter dem ungarischen König Geza II. im 12.Jh. ins Land, die Banater Schwaben vor allem zwischen dem 17. und 19. Jahrhundert.
Inzwischen sind die deutschsprachigen Minderheiten nahezu vollzählig – vor allem nach Deutschland – ausgewandert, oder verstorben. In Rumänien machen sie nur noch etwa 0,5% der gesamten Bevölkerung aus.
Sie haben jedoch vielfältig Spuren hinterlassen, sichtbar zum Beispiel in der Architektur. 
Städte, deren Erscheinungsbild durch die Siebenbürger Sachsen geprägt wurden und die ich besuchte, sind zum Beispiel Schäßburg/Sighisoaraö, Kronstadt/Brasov und Hermannstadt/Sibiu (Kulturhauptstadt Europas 2007)
SibiuGrosserPlatz
BrasovLuftbild
RusciorEhemaligesSachsendorf

Dörfer wurden zahlreich neu gegründet; sie wuchsen nicht allmählich organisch, sondern es entstanden planmäßige Anlagen, bis heute gut erkennbar. Die Häuser stehen giebelständig (gerne mit Krüppelwalmdach) zur Straße hin; dazwischen ein Hof; Grundstück an Grundstück. Diese erstrecken sich rechteckig in die Tiefe, am hinteren Ende befinden sich die Gärten.
Die überregional bekanntesten architektonischen Zeugnisse sind sicherlich die Kirchenburgen der Siebenbürger Sachsen. Etwa 300 entstanden seit dem 15.Jahrhundert. Knapp die Hälfte davon ist noch mehr oder weniger erhalten.
Durchziehende Türkentruppen bedrohten die Bevölkerung. Die einfachste Lösung war, bestehende Kirchen zu befestigen. Zur Abwehr wurden Mauern, Gänge, Türme oder auch Wassergräben errichtet. Der Verteidigung dienten Schießscharten und Pechnasen.
Eine besonders eindrückliche Kirchenburg ist die zum Weltkulturerbe zählende von Tartlau/Prejmer. Ab dem frühen 13.Jahrhundert errichtet, wurde die Kirche um 1430 mit einer massiven, rundherum laufenden
Wehrmauer versehen, in die an der Innenseite über 4 Stockwerke noch erhaltene Wohn- und Vorratskammern für die Ortsbevölkerung integriert sind. Wohl um die 1600 Menschen fanden zu Belagerungszeiten Schutz.
Wer sich dafür interessiert, sollte unbedingt auf Reisen das Buch von Arne Franke über die Kirchenburgen im Gepäck haben.
Oder sich zuvor auf folgender Webseite informieren http://www.kirchenburgen.ro/locations/
In den letzten Urlauben mietete ich immer einen Wagen. Dieses Mal wollte ich mal wieder ohne Mietgefährt unterwegs sein. Es funktionierte hervorragend, dank der pünktlichen rumänischen Bahn und den großzügigen Pufferzeiten, die sie für die Haltepunkte einplant. Es kam sogar vor, dass ein Ziel zu früh erreicht wurde. Ich gebe zu, dass die Deutsche Bahn mit schnelleren Verbindungen glänzen kann, aber was die Pünktlichkeit angeht … Wenn Sie sich als TouristIn auf einen gemächlicheren Takt einlassen, so werden Sie in Rumänien viel Freude am Bahn fahren haben und auf den gemütlichen Fahrten durch die Karpaten aus dem Staunen nicht mehr herauskommen, ob der wundervollen Landschaften. Ich genoss dies auf den Fahrten zwischen Bukarest, Brasov und Sibiu. Für die insgesamt 315 Kilometer sollten Sie zwischen 6 und 7 Stunden Fahrzeit einplanen.
Die Fahrkarten lassen sich vorab am Schalter erwerben. Eine Platzkarte ist automatisch im günstigen Fahrpreis enthalten. Die Zugverbindungen können Sie vorab einsehen. 
Rumänien ist ein Eldorado für Naturliebhaber, für Wandersleut‘, Ornithologen und andere.
Ich selbst genoss im Mai den Anblick prachtvoll verschneiter Karpatengipfel (vorrangig als Hintergrundkulisse) und üppig blühender Blumenteppiche. Der höchste Gipfel, der Moldoveanu, in den Südkarpaten gelegen, erhebt sich 2.500 Meter hoch und eignet sich – wie manch anderer Berg - für anspruchsvolle oder auch moderatere Touren. Es gibt einige markierte Wanderwege, aber in Rumänien selbst bisher kein besonders gutes Kartenmaterial.
Eine besondere Entdeckung war für mich die Hauptstadt Bukarest. 5 Tage streifte ich durch die Straßen und war begeistert von der architektonischen Vielfalt. Bunt durcheinander stehen dort historistische Paläste aus dem 19. und frühen 20.Jh., Häuser der Bauhauszeit, sozialistische Wohnbauten, zeitgenössische Architektur, orthodoxe Kirchlein. An vielen Gebäuden nagt der Zahn der Zeit und es verwundert, dass ein Leben darin noch möglich ist. Nördlich der Piata Roma entdeckte ich beim Umherstreifen jedoch einige Straßenzüge – der wohl reicheren Herrschaften - mit restaurierten Preziosen. Das ehemalige „Paris des Ostens“ aus den 20er- und 30er-Jahren des 19.Jh. ist hier noch besonders gut zu erahnen. Sozialistische Monumentalbauten sind in der Innenstadt weniger flächendeckend zu finden, als ich erwartet hatte.
Dafür ließ Ceausescu sehr gründlich etwa 20 Prozent der Altstadt und damit vor allem das bestens intakte Viertel Uranus abreißen – 70.000 BewohnerInnen wurden umgesiedelt, um dem kilometerlangen Prachtboulevard (Bulevardul Unirii) und dem „Haus der Republik“, dem Parlamentspalast, Platz zu machen. Ceausescu selbst erlebte die Fertigstellung nicht mehr. Er wurde 1989 exekutiert.
Rumänien ist ein unaufgeregtes Reiseland. Es geht ruhig und gemächlich zu. Die Menschen sind zurückhaltend; bei Fragen reagieren sie hilfsbereit und freundlich. Die Verständigung findet gelegentlich auf englisch, seltener auf Deutsch statt. Wer eine romanische Sprache kann, ist klar im Vorteil, da auch das Rumänische zu dieser Sprachgruppe gehört. Irgendwie lässt es sich immer kommunizieren; Hände, Füße und Gesichtsmimik können dabei wichtige Begleiter sein.
Ich werde eines Tages bestimmt wieder nach Rumänien reisen und kann Ihnen eine Reise dorthin nur wärmstens empfehlen. Bei der Planung unterstütze ich Sie gerne.