Usedom im Winter

Bereits zweimal, 2009 und 2011, verbrachte ich jeweils im November eine herrlich ruhige und entspannte Woche auf der Ostseeinsel Usedom. Um diese Jahreszeit haben die meisten Orte, vor allem im Hinterland, die Bordsteine ziemlich weit hochgeklappt. So lässt sich kaum erahnen, welche Menschenmassen hier  im Sommer unterwegs sind, den über 40 Kilometer langen und breiten Sandstrand bevölkern oder in den unzähligen Cafés und Restaurants sitzen. Selbst in den Traditions-Seebädern Ahlbeck, Heringsdorf, Bansin und Zinnowitz geht es in den Wintermonaten ruhig und beschaulich zu. Einzige Ausnahme bildet die Zeit um Weihnachten und Silvester.
Bei stundenlangen Strandwanderungen entlang der abwechslungsreichen Küstenlinie – vorbei an hochaufragenden Steil- und Flachküsten, bewachsenen Dünen oder bis zum Strand ragenden Wäldern – begleiten einem neugierige Möwen und Seeschwalben, Nebelkrähen krächzen empört, wenn man sie bei der Nahrungssuche im Schlick stört, fehlgeleitete Quallen zieren den Strand, Kormorane jagen nach Fischen und Enten lassen sich ihre Muschelmahlzeiten schmecken. Die Herzen von Steine-Sammel-Fans schlagen hoch – und mit viel Glück findet sich dazwischen vielleicht ein Stückchen Bernstein, vor allem nach einem Sturm.
UsedomAmStrand  UsedomGeheimnisvolleKuestenlinie   UsedomKormoraneAufFischfang
Wer müde wird und sich genügend vom Wind hat durchpusten lassen, begibt sich einige Meter landeinwärts ins nächste Café, z.Bsp. das grandios altmodisch-charmante Cafe Asgard in Bansin oder sucht die nächste Bahnstation der Usedomer Bäderbahn auf. Diese bringt einem im Winter im Stundentakt (im Sommer im Halbstundentakt) zum Ausgangspunkt entlang der Küste zurück
Nach Rügen ist Usedom mit 445 Quadratkilometern die zweitgrößte deutsche Insel; ein Fünftel dieser Fläche ist polnisches Staatsgebiet.
Auch Usedom hat im südlichen Teil seine „Schweiz“, eine hügelige Moränen-Landschaft, mit „Bergen“, die bis 60 Meter aufragen. Mit dem Fahrrad kommt man tatsächlich auch ohne Gegenwind dabei gelegentlich ins Schwitzen. Aus dem Schwarzwald stammend, erfreut diese mannigfaltige Hügellandschaft mein Herz besonders. Vor allem, wenn ich von der Windmühle in Benz den Weitblick in die Landschaft, über den Schmollensee hinweg genieße oder auf dem Aussichtsturm bei Sellenthin stehe, von wo aus sich ein Rundblick über sieben Seen bzw. das Achterwasser bietet.
Mit dem Rad lässt sich die Insel sehr gut erkunden, oft auf wenig befahrenen Nebenstraßen oder Feldwegen, z.Bsp. auf der Tour vorbei an Orten, die Lyonel Feininger bildlich festhielt. Rad- und Wanderwege sind bestens beschildert und dank des oft so prachtvollen Wetters ist es auch wunderbar möglich, die Insel in den Wintermonaten in Ruhe zu erkunden.
Mir zeigte sich die Insel bisher immer von ihrer besten Wetterseite, ganz gemäß  der Aussage, dass es eine der Regionen mit den meisten Sonnentagen in Deutschland sei. Der Regen blieb nahezu völlig aus. Die Sonne schien fast immer von Auf- bis Untergang etwa um 16 Uhr.
Wunderschön ist eine Wanderung um den Wolgastsee, im Herbst durch die bunt leuchtenden Buchenwälder, mit zum Teil jahrhundertealtem Baumbestand. Um am Ende der etwa zweistündigen, bequemen Tour noch im – nomen est omen – Lokal „Idyll am Wolgastsee“ einkehren zu können, sind der November oder Dezember ungeeignet. Dann sind dort Betriebsferien. 
 Usedom_IdyllAmWolgastsee  Usedom_muehleBenz  Usedom_KircheMellenthin

Für VogelkundlerInnen besonders spannend ist sicherlich der ehemals urwaldartige, sumpfige Thurbruch, in dem einst der Auerochse heimisch war. Unter Friedrich II. wurde begonnen, die Gegend mit Hilfe von Wasserkanälen und Windschöpfkraftwerken trocken zu legen. Bis in die Mitte des 20.Jahrhunderts wurde Torf gestochen und die Gegend immer mehr (intensiv)landwirtschaftlich genutzt. Die einstigen Sumpfgebiete sind nahezu verschwunden. Doch noch immer: mit etwas Glück lassen sich - je nach Jahreszeit - Wildgänse, Seeadler, Graureiher, Milane, Eisvögel, Störche oder Fischotter beobachten und unzählige Schmetterlinge.
Das einst hier heimische Wisent ist durch menschliches Engagement wieder nach Usedom zurückgekehrt, in den Wisentpark. Sie werden dort gezüchtet, um sie wieder in der freien Natur anzusiedeln. Während des ersten Weltkrieges waren sie endgültig ausgerottet worden. Es überlebten nur einige Tiere in Zoos, dank derer es möglich war, eine neue Zucht zu beginnen. In Polen wurde damit bereits in den 20er Jahren begonnen.
Auch wenn im Winter viele Unterkünfte, Restaurants, Cafés und andere Orte geschlossen sind, es bleiben trotzdem noch viele interessante Dinge zu entdecken:
die Maxim-Gorki-Gedenkstätte in der Villa Irmgard in Heringsdorf; noch nicht totsaniert, wartet sie mit viel Flair und interessanten Dokumenten auf, über die Zeit, als sich Maxim Gorki 1922 den Sommer über dort von einer Krankheit erholte.
das Museum Atelier Otto Niemeyer-Holstein, ein märchenhafter Ort an der Landenge Usedoms, zwischen Norden und Süden. Im Garten verstecken sich überall Skulpturen, die der Künstler sammelte. Auch sein Wohnhaus,  Atelier und  Wechselausstellungen sind zu besichtigen.
das schmucke Örtchen Mellenthin, mitten im Landesinnern, mit seiner sehenswerten mittelalterlichen Kirche und dem Renaissance-Wasserschloss. Dort lässt es sich nicht nur zum Essen oder Kaffeetrinken nett einkehren, sondern auch nächtigen.
das mittelalterliche Haupstädtchen der Insel, Usedom, oder einen Ausflug in den abgeschiedenen Lieper Winkel, am beschaulichen Hafen in Rankwitz sitzen und ein Fischgericht genießen…
Auf Usedom läßt es sich wochenlang verweilen. Ich kann von dieser Insel gar nicht genug bekommen und werde wohl immer wieder Auszeiten dort genießen, vor allem zur stillen Winterzeit.